Fortsetzung aus Rundbrief Nr. 3/98:
CAROLINE HERSCHEL (1750 - 1848)
2. Teil
Exkurs: Das 40-füßige Teleskop
Caroline gibt eine lebhafte Darstellung des Durcheinanders, das während des Baus das
Leben der Herschels vollkommen bestimmt.1 Ein Besucher Herschels beschreibt die
Arbeiten wie folgt: "In der Mitte seiner Werkstatt erhebt sich eine Art Altar, ein massives
Gebilde, das in einer konvex geformten Oberfläche endet, auf der der zu polierende Spiegel
liegt und durch Schleifen geformt werden soll. Um dies zu erreichen, ist der Spiegel in eine
Art zwölfseitigem Rahmen eingefaßt, aus dem ebenso viele Griffe hervorstehen, die von
zwölf Männern gehalten werden. Diese Seiten sind numeriert und die Männer, die an ihnen
postiert sind, tragen dieselben Nummern auf ihren festen Leinenoveralls, die ihre Kleidung
vor den Spritzern der Flüssigkeit schützen, die von Zeit zu Zeit zwischen den Spiegel und die
Form gebracht wird, um die Politur zu erreichen. Der Spiegel wird langsam auf der Form
bewegt, mehrere Stunden lang hintereinander und in bestimmte Richtungen, was, indem an
bestimmten Stellen der Oberfläche mehr Druck ausgeübt wird als an anderen, dazu führt,
daß die parabolische Gestalt hervorgerufen wird. Dann wird er auf einem Karren
weggebracht und zum Tubus transportiert, in den er durch eine Maschine hinabgesenkt wird,
die ausdrücklich zu diesem Zweck konstruiert wurde. Diese Arbeit wird eine beachtliche Zeit
lang täglich wiederholt, und anhand der Beobachtungen, die er des Nachts macht, urteilt
Herschel darüber, wie weit sich der Spiegel dem Standard annähert, den er wünscht."2
Eine Besonderheit des 40-Füßers ist der Einblick von vorn ("front view"), bei dem mit einem
etwas außerhalb der optischen Achse angebrachten Okular ohne Umweg über einen
Fangspiegel direkt auf den Hauptspiegel geblickt wird. Für die solchermaßen verbesserte
Lichtausbeute nimmt Herschel gern eine leicht verzerrte Abbildung in Kauf.
Für über 50 Jahre soll das Riesengerüst vor dem Haus der Herschels in Slough das
Landschaftsbild bestimmen und unzählige Touristen anlocken (das Teleskop wird mit dem
Koloß von Rhodos verglichen), tatsächlich ist seine Bedeutung für die praktische
astronomische Arbeit Herschels gering, da es Temperaturschwankungen gegenüber
empfindlich ist, mindestens drei Personen für seinen Betrieb nötig sind und der Spiegel
schnell beschlägt und ständig poliert werden muß. 1815 findet die letzte Beobachtung mit
dem 40-Füßer statt, und 1839 wird es von John Herschel mit einer kleinen Zeremonie
abgebaut.
Die eigenen Entdeckungen
Seit dem Umzug der Herschels nach Datchet bei Windsor im Jahre 17823 steht Caroline ein
eigener Refraktor zur Verfügung, der sie ermutigen soll, auf eigene Faust nach Kometen zu
suchen, aber zunächst macht sie sich nur halbherzig an ihre "sweeps"4 , teils, weil sie sich die
selbständige astronomische Arbeit noch nicht zutraut, teils, weil sie sich nachts allein in freier
Natur fürchtet. Im Juli 1783 schenkt ihr Wilhelm einen Newton-Spiegel mit 27 Zoll Brennweite
und 30facher Vergrößerung. In Slough schließlich, wo die Familie seit 1786 wohnt, hat
Caroline eine eigene kleine Beobachtungsstation auf dem flachen Dach, wo sie ihr Teleskop
aufstellen kann. Eine Art Metronom, das Alexander eigens für sie angefertigt hat, ermöglicht
es ihr, bei ihren Beobachtungen die Sekunden zu zählen ( und, in Verbindung mit den
Schlägen der Uhr ein Stockwerk tiefer, deren Zeitpunkt ziemlich genau zu bestimmen ).
Am 1. August 1786, als Wilhelm sich gerade auf dem Kontinent aufhält, um in Göttingen ein
10-Fuß-Teleskop zu übergeben, das der König als Geschenk an die Universität bei ihm in
Auftrag gegeben hat, entdeckt Caroline ihren ersten Kometen5. Am folgenden Tag schreibt
sie an Dr. Blagden, den Sekretär der Royal Society:
"Sir, aufgrund der Freundschaft, die, wie ich weiß, zwischen Ihnen und meinem Bruder
besteht, wage ich es, Sie in seiner Abwesenheit mit dem folgenden unvollständigen Bericht
über einen Kometen zu belästigen. Meine Aufgabe, die Beobachtungen niederzuschreiben,
wenn mein Bruder den 20-Fuß-Reflektor benutzt, lassen mir nur selten Zeit, den Himmel zu
beobachten; aber da er sich gerade zu Besuch in Deutschland aufhält, habe ich die
Gelegenheit seiner Abwesenheit ergriffen, auf der Suche nach Kometen in der
Nachbarschaft der Sonne zu "schwenken" ("sweep"); und letzte Nacht, den 1. August, gegen
10 Uhr, fand ich ein Objekt, das in Farbe und Helligkeit sehr stark dem 27. Nebel der
Connaissance des Temps6 ähnelte, allerdings mit dem Unterschied, daß es rund war. Ich
nahm an, daß es ein Komet sei; aber da Dunst heraufzog, war es mir bis heute abend nicht
möglich, mich hinsichtlich seiner Bewegung vollständig zu vergewissern. Ich machte
mehrere Zeichnungen der Sterne, die mit ihm im Gesichtsfeld waren, und habe eine Kopie
derselben beigefügt, verbunden mit meinen Beobachtungen, damit Sie sie miteinander
vergleichen können."7
Am 21. Dezember 1788 entdeckt Caroline ihren zweiten ( C. 1788 II ), am 7. Januar 1790
ihren dritten Kometen ( C. 1790 I ), der nur an vier Nächten zwischen dem 9. und 21. Januar
beobachtet werden kann. Der vierte folgt am 17. April 1790 ( C. 1790 III ), der fünfte am 15.
Dezember 1791 ( C. 1792 I ). Der sechste Komet, den Caroline erstmals am 7. Oktober 1793
beobachtet ( C. 1793 I ), wurde von Messier bereits am 27. September entdeckt. Bei ihrem
siebten Kometen vom 7. November 1795 handelt es sich um die zweite Erscheinung von
Encke, und ihr achter vom 14. August 1797 wird gleichzeitig von Bouvard in Paris und Lee in
Hackney entdeckt. Ferner wird Caroline Herschel die Entdeckung mehrerer Nebel
zugeschrieben, welche Wilhelm Herschel in seinen Nebelkatalogen durch die Hinzufügung
ihres Monogramms kenntlich macht. Es sind dies im Catalogue of One Thousand New
Nebulae and Clusters of Stars (1786) NGC 253, die Sculptor-Galaxie (V 1)8 , NGC 205, der
größte Begleiter der Andromeda-Galaxie (V 18)9 , und NGC 2360, ein offener Sternhaufen in
Canis Major (VII 12 ). Im Catalogue of a Second Thousand of New Nebulae and Clusters of
Stars kommen die offenen Sternhaufen NGC 659 in Cassiopeia ( VIII 65, 1783 ), NGC 6633
in Ophiuchus ( VIII 72, 1783 ), NGC 7380 in Cepheus ( VIII 77, 1787 ) und NGC 225 in
Cassiopeia ( VIII 78, 1784 ) hinzu.
Eine enorme Leistung ist außerdem Caroline Herschels Bearbeitung des Flamsteed -
Katalogs10 bzw. die Erstellung eines Katalogs von Sternen, die zwar von Flamsteed
beobachtet wurden, aber nicht im Britischen Katalog vorkommen, sowie die Erarbeitung
eines dazugehörigen Index. Caroline beweist hier - wie bei allen ihren Arbeiten - größte
Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit, insbesondere bei der Überprüfung der Positionen der
Sterne.
Für ihre Leistungen (besonders natürlich für die spektakuläreren Kometenentdeckungen )
wird Caroline von allen Seiten viel Anerkennung zuteil. Die wichtigste Bestätigung ihrer
Arbeit ist für sie allerdings wohl die Tatsache, daß ihr vom König, in ihrer Funktion als
Assistentin ihres Bruders, im Jahre 1787 ein jährliches Gehalt in Höhe von 50 Pfund
zugestanden wird.
Die Jahre "danach"
Auf den beruflichen Erfolg folgt ein Jahr darauf der persönliche Tiefschlag. Ihr Bruder
Wilhelm, der Mensch, auf den sie in den vergangenen 16 Jahren ihr ganzes Leben
ausgerichtet hat, entschließt sich, mittlerweile fünfzigjährig, die Witwe Mary Pitt zu heiraten,
die seinen Antrag ( nach einigen Auseinandersetzungen über die Frage des Wohn- bzw.
Arbeitsortes und die Position Carolines ) denn auch annimmt. Caroline verliert ihre Aufgabe
als Haushälterin ihres Bruders und zieht in eine Mietwohnung; was die astronomische Arbeit
betrifft, bleibt sie jedoch die wichtigste Bezugsperson ihres Bruders.
Das Verhältnis zur Schwägerin scheint zunächst ziemlich gespannt zu sein
(Tagebucheintragungen aus dieser Zeit existieren nicht ), bessert sich im Laufe der Jahre
aber zusehends. Eine besondere Freude ist für den Familienmenschen Caroline die Geburt
ihres Neffen John Frederick William Herschel ( 7. März 1792 ), zu dem sie zeitlebens eine
sehr herzliche Beziehung haben soll.
Da Wilhelm Herschel nach seiner Heirat häufiger Reisen unternimmt und Caroline in dieser
Zeit die Häuser der Familie hütet, hat sie oft die Aufgabe, als Hausherrin von Slough
Besucher zu empfangen und die astronomischen Geräte vorzuführen. Unter den Gästen sind
so illustre Persönlichkeiten wie Joseph Haydn, der , so sagt man, durch seine Eindrücke
beim Beobachten mit dem 40-Fuß-Teleskop zu seiner "Schöpfung" inspiriert wird.
Als Wilhelms Gesundheit nachläßt, ist seine Schwester sehr um ihn besorgt und stets zur
Stelle, wenn es darum geht, seine Arbeitsaufträge entgegenzunehmen. Mit seinem Tod am
25. August 1822 verliert sie anscheinend jegliche Beziehung zu England und beginnt schon
wenige Tage nach seinem Begräbnis, für die Rückkehr nach Hannover zu packen.
Lebensabend in Hannover
Im Oktober 1822 kommt ihr jüngerer Bruder Dietrich nach England, um Caroline zu sich nach
Hannover zu holen. Gut versorgt durch die königliche Pension und weitere 100 Pfund jährlich
aus dem Nachlaß ihres Bruders, lebt sie bis zu Dietrichs Tod 1827 (oder 1825 ) bei dessen
Familie, danach mietet sie sich eine Wohnung und geht ein wenig auf Distanz zur
Verwandtschaft ( eine Ausnahme bildet ihre gute Beziehung zu ihrer Nichte Anna Knipping ).
1823 beginnt sie mit ihrer Arbeit am "Zonenkatalog", einem Nebelkatalog, der sich auf
Beobachtungen Wilhelm Herschels stützt, die sie nunmehr nach Himmelsabschnitten ordnet.
Allerdings bleibt dieser Katalog unveröffentlicht.
Auch wenn der Kontakt fast ausschließlich brieflich aufrechterhalten wird, pflegt sie eine
innige Beziehung zu ihrem Neffen John, und später auch zu dessen Ehefrau. Sie nimmt
regen Anteil an seinen astronomischen Forschungen , und als sie von seinen Plänen einer
systematischen Durchmusterung des Südhimmels vom Kap der Guten Hoffnung aus erfährt,
ruft sie aus: "Ja! if I was but thirty or forty years younger, and could go too! In Gottes
Namen!"11
In Hannover besucht sie regelmäßig Konzerte, pflegt einige gesellschaftliche Kontakte, auch
zur Königlichen Familie, und trifft sich häufig mit ihrer Freundin Mme Beckedorff und deren
Tochter.
Im März 1835 wird Caroline Herschel ( neben Mrs. Somerville12 ) die Ehrenmitgliedschaft der
Royal Astronomical Society verliehen, 1838 die Mitgliedschaft der Royal Irish Academy.
1846 wird ihr durch Alexander von Humboldt die Goldene Medaille der Preußischen
Akademie der Wissenschaften übersandt.
Sie erlebt noch die Veröffentlichung der vollständigen "Cape Observations" ihres Neffen
und erfährt von der Entdeckung des achten Planeten Neptun ( 1846 ).
Am 9. Januar 1848 stirbt Caroline Herschel in Hannover.
Literatur:
-The Scientific Papers of Sir William Herschel Bd. I u. II, London 1912
-Gärtner, Heinz, Er durchbrach die Schranken des Himmels. Das Leben des Friedrich
Wilhelm Herschel, Leipzig 1996
-Lubbock, Constance A. (Hg.), The Herschel Chronicle. The life-story of William Herschel
and his sister Caroline Herschel, Cambridge 1933
Nachtrag: Einige Tage nach meinem Referat hatte ich die Gelegenheit, das Grab Caroline
Herschels auf dem Gartenfriedhof in Hannover zu besuchen und dessen Inschrift zu
studieren, die ich hier gern noch wiedergeben möchte:
"Hier ruhet die irdische Hülle von Caroline Herschel geb. zu Hannover den 16. März 1750
gestorben den 9. Januar 1848. Der Blick der Verklärten war hienieden dem gestirnten
Himmel zugewandt, die eigenen Cometen Entdeckungen und die Theilnahme an den
unsterblichen Arbeiten ihres Bruders, Wilhelm Herschel, zeugen davon bis in die späte
Nachwelt. Die Königliche Irländische Akademie zu Dublin und die Königliche Astronomische
Gesellschaft in London zählten sie zu ihren Mitgliedern. In dem Alter von 97 Jahren 9
Monaten 24 Tagen entschlief sie mit heiterer Ruhe und bei völliger Geisteskraft, ihrem zu
einem bessern Leben vorangegangenen Vater, Isaac Herschel, folgend, der ein Lebensalter
von 60 Jahren 2 Monaten und 17 Tagen erreichte und seit dem 25. März 1767 hieneben
begraben liegt."
Britta Lohmann
1
S. Heinz Gärtner, Er durchbrach die Schranken des Himmels, S. 187
2
The Herschel Chronicle, S. 158
3
Im Sommer 1782 wird Wilhelm Herschel, der durch die Entdeckung des Uranus im Vorjahr
weitverbreitete Anerkennung gefunden hat, mit einem Jahresgehalt von 200 Pfund als eine Art
königlicher Privatastronom angestellt. Dieses Einkommen, verbunden mit den Einnahmen aus dem
Teleskopbau, ermöglicht ihm endlich die langersehnte Unabhängigkeit von seiner Tätigkeit als
Musiker.
4
Wilhelm Herschels Beschreibung seiner Methode der "sweeps" (zunächst aus 20 bis 30
horizontalen "oscillations" bestehend, später in vertikalen Bewegungen ausgeführt)
findet sich S. 222f, The Herschel Chronicle.
5C. 1786 II
6M 27 ( Hantelnebel )
7
William Herschel, Collected Scientific Papers I, S. 309, Übersetzung d. Verfasserin
8
Die Bezeichnungen in Klammern beziehen sich auf die Numerierung in den Katalogen Herschels
9
Messier hat dieses Objekt schon eher beobachtet und gezeichnet, hat es aber nicht in seinen
Katalog aufgenommen. Die Bezeichnung M 110 stammt aus unserer Zeit, urspr. (1781) gab es nur
103 Objekte.
10
John Flamsteed, 1646-1719, Begründer der Sternwarte von Greenwich ( Förderung exakter
astronomischer Beobachtungen zur Verbesserung der Navigation ) und deren erster Direktor (d.h.
erster Astronomer Royal ), Verfasser des Sternkatalogs "Historia Coelestis Britannica" ( ca. 2700
Sterne ) und des posthum ( 1729 ) erschienenen "Atlas Coelestis" mit 28 Sternkarten.
11The Herschel Chronicle, S. 372
12Mary Somerville, 1780 - 1872, schott. Mathematikerin, Autorin v.
"Mechanism of the Heavens"
(1831)
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Letzte Änderung: 14.02.1999