Einführung in die Astronomie Teil 2 - Beobachtungsinstrumente
2.2 Das Fernglas
Ein sehr gutes Instrument für den Einstieg in die Himmelsbeobachtung ist
das Fernglas. Zwar ist das Fernglas kein Instrument für hohe
Vergrößerungen und kleine Details, aber dafür hat es andere Stärken:
- geringe Vergrößerung
- großes Gesichtsfeld
- hohe Lichtstärke
- binokulares (zweiäugiges) Beobachten
- aufrechte Bilder, daher auch für Erdbeobachtungen geeignent
- Handlichkeit im Vergleich zum Fernrohr
- "relativ" preisgünstig in der Anschaffung im Vergleich
zum Fernrohr
Dazu ein Beispiel: Ein 9x63 Feldstecher hat eine über 100 mal größere
Lichtsammelleistung als das bloße Auge mit 6mm Pupillenöffnung. D.h.
man sieht damit noch Sterne, die 100 mal (oder 5 Größenklassen) schwächer
sind als die schwächsten Sterne, die man mit bloßem Auge noch sehen kann.
Wollte man sich nun ein Teleskop anschaffen, das wiederum 100 mal schwächere
Sterne als ein 9x63 Fernglas zeigt, so müßte man ein Teleskop mit einer
Öffnung von 60cm nehmen! Ein solches Teleskop würde aber je nach Bauart
einige 10.000 bis 100.000DM kosten. Das bedeutet: Den Gewinn, den ein
9x63 Fernglas gegenüber dem bloßem Auge bringt, kann man so
leicht nicht wiederholen.
Ein 9x63 Feldstecher ist bereits für ein paar hundert DM zu haben.
Zwar werden auch Fernrohre zu diesem Preis angeboten, jedoch handelt es
sich dabei nur um Schrott. Hiermit soll nur versucht werden, schnell
entschlossene und unüberlegt handelnde Gelegenheitskäufer zu
ködern (oder besser gesagt: reinzulegen). Denn für ein
brauchbares, kleines astronomisches Fernrohr muß man schon über
1000DM auf den Tisch legen. Wer das nicht kann oder will ist mit einem
Feldstecher auf alle Fälle besser bedient als mit einem
400DM-Schrotthaufen. Wer aber gleich einen 14x100 oder gar einen 40x150
Feldstecher (siehe Abb. links) verlangt, der
wird aber um einiges tiefer in die Tasche greifen müssen.
Die auf jedem Feldstecher eingravierten Zahlen, wie z.B. 10x50, 9x63 oder
14x100, bezeichnen die Vergrößerung (1. Zahl) und den
Objektivdurchmesser in mm (2. Zahl). Ein 9x63 Fernglas hat also 9fache
Vergrößerung und eine Objektivöffnung von 63mm.
Je größer der Objektivdurchmesser ist, desto mehr Licht gelangt
ins Auge und desto schwächere Sterne sieht man. Daher sollte man
für astronomische Zwecke keine Feldstecher wählen, die
einen Objektivdurchmesser von weniger als 50mm haben. Z.B. sind 8x21
Operngläser für Himmelsbeobachtungen sinnlos.
Eine weitere, wichtige Rolle spielt die Vergrößerung: Steigert
man die Vergrößerung und läßt den Objektivdurchmesser
(Optiker sprechen von "Eintrittspupille") kostant, so nimmt die
Lichtstärke des Feldstechers ab. Die Bilder werden zwar immer
größer, aber auch blasser. Gleichzeitig nimmt auch die Breite
des aus dem Okular austretenden Lichtbündels (die Austrittspupille)
ab.
Ein Feldstecher darf nicht alleine nach seiner Lichtstärke beurteit werden.
Sicher liefert eine geringere Vergrößerung auch hellere Bilder, aber leider
ist der Nachthimmel immer mehr oder weniger aufgehellt. Eine zu hohe
Lichtstärke führt zu einem zu hellen Hintergrund, in dem schwache
Objekte verschwinden. Außerdem kann sich bei älteren Beobachtern die
Pupille nicht mehr so weit öffnen wie bei jüngeren. Ab einem bestimmten Alter
erreicht sie nicht einmal mehr 6mm. Für eine solche Person wäre
es "Lichtverschwendung", mit einem extrem lichtstarken 11x80
Feldstecher zu beobachten. Ein solcher Feldstecher hat eine Austrittspupille
von 7.3mm. Hat die Pupille des Beobachters einen kleineren Durchmesser, so
wirkt sie wie eine Blende, die einen Teil des Lichts vom Feldstecher
ausblendet. Würde unser Beobachter z.B. einen 15x80 Feldstecher mit
einer Austrittspupille von 5.3mm benutzen, dann bekäme er wieder
sämltliches Licht in seine Augen.
Die Austrittspupille eines Feldstechers kann durch folgende Formel
berechnet werden:
Austrittspupille in mm = Objektivöffnung in mm : Vergrößerung
Für die Lichtstärke eines Feldstechers gilt:
Lichtstärke = Austrittspupille x Austrittspupille
Die Gesamtleistung eines Feldstechers hängt also von einem ausgewogenen
Verhältnis zwischen Lichtstärke und Vergrößerung ab.
Dafür wurde die sog. "Dämmerungszahl" DZ eingeführt.
Auf vielen Feldstechern ist neben Objektivöffnung und Vergrößerung noch
der Durchmesser des Gesichtsfeldes eingraviert. Bei einigen ist das Gesichtsfeld
direkt in Grad, bei anderen in Werten wie z.B. "122 auf 1000m" gegeben.
Für astronomische Zwecke ist es jedoch besser, das Gesichtsfeld in Grad zu
kennen. Durch folgende Formel kann das Gesichtsfeld in Grad umgerechnet werden:
Gesichtsfeld in Grad = 2·arctan(x/2000)
mit x = Gesichtsfeld auf 1000m
Das Gesichtsfeld von Feldstechern liegt je nach Vergrößerung zwischen 4 und 7°.
Bei Fernrohren ist es selten größer als 2°. Große Kometen, wie z.B. Hale-Bopp
und Hyakutake, waren für viele Leute in einem 9x63 Fernglas schöner anzusehen als in
einem Fernrohr mit 20cm Öffnung.
Ein Fernglas ist manchmal beim Vorbereiten einer Teleskopbeobachtung recht
nützlich. Man kann damit schnell ein großes Gebiet am Himmel
überfliegen. Dann weiß man, wie das Sternfeld auf der Sternkarte
wirklich am Himmel aussieht.
Noch ein paar Worte zur Benutzung eines Feldstechers:
Einen kleinen 7x50 Feldstecher kann man noch ohne Probleme beim Beobachten
in der Hand halten. Bei Feldstechern mit mehr als 10facher Vergrößerung
beginnt das Zittern der Hände jedoch allmählich zu stören. Man kann sich
damit behelfen, indem man sich in einen Liegestuhl legt und beide Ellenbogen
beim Beobachten auf die Armlehnen aufstützt.
Bei größeren und schwereren Feldstechern hilft das auch nicht mehr viel.
Abhilfe schafft hier nur ein Stativ. Ein normales Photostativ ist
außer zur Beobachtung in Horizontnähe nicht besonders gut
geeignet:
1. "bricht" man sich damit beim Beobachten in Zenitnähe fast
das Genick (es sei denn, man benutzt einen Feldstecher mit Schrägeinblick).
2. Stößt man mit dem Kinn immer gegen die Stativsäule.
3. Man muß immer vorausahnen um wieviel sich der Kinoneiger unter der
Last des Feldstechers durchbiegt, bevor man ihn festklemmt.
Was kann man alles mit einem Feldstecher am Himmel sehen?
Sonne, Mond und Planeten:
- Für die Beobachtung von Sonne, Mond und Planeten ist ein Feldstecher
zwar nicht das Nonplusultra, aber so ganz nutzlos ist er deswegen noch lange
nicht:
Bei der Sonne zeigt ein Fernglas größere Sonnenflecken bzw. Gruppen von
Sonnenflecken. Aber niemals mit dem Fernglas direkt in die
Sonne schauen. Schwere Augenschäden bis hin zur Erblindung können
die Folge sein!
Beim Mond erkennt man schon im Feldstecher die größten Krater. In den Tagen
kurz vor bzw. nach Neumond, wenn der Mond nur als schmale Sichel am Himmel
erscheint, sieht man im Fernglas besonders schön das sog. aschgraue oder
sekundäre Mondlicht. Es handelt sich dabei um von der Erde reflektiertes
Sonnenlicht, das die Nachtseite des Mondes aufhellt.
Man kann den Feldstecher dazu benutzen, um Merkur in der
Dämmerung schneller auffinden zu können. Auch beim Aufsuchen von
Uranus und Neptun erweist der Feldstecher gute Dienste. Man muß
allerdings genau wissen, wo man sie am Himmel zu suchen hat, sonst ist der
Mißerfolg vorprogrammiert. Bei der Venus genügt schon ein
stärker vergrößernder Feldstecher, um die Phasen sehen zu
können. Bei Jupiter erkennt man im Feldstecher die vier
größten Jupitermonde. Für den Saturnring reicht ein Feldstecher
noch nicht aus. Jedoch erkennt man in einem Feldstecher mit starker
Vergrößerung, daß der Planet ein wenig länglich aussieht.
Der Saturnring deutet sich dadurch schon an. Titan, den größten
Saturnmond, kann man schon im Feldstecher erkennen.
Kleinplaneten:
- Die hellsten Kleinplaneten können auch schon im Fernglas
gesehen werden. Damit man sie finden kann, muß man aber sehr genau
wissen, wo man sie zu suchen hat. Sie sehen im Fernglas aus wie schwache
Sterne. Um sicherzugehen, daß man auch wirklich den gesuchten
Kleinplaneten gefunden hat, trägt man am besten seine Position in
eine gute Sternkarte ein. Ein paar Tage später schaut man nochmal nach.
War's wirklich ein Kleinplanet, den man zuvor gesehen hat, so sollte er
sich inzwischen ein weing weiterbewegt haben.
Kometen:
-
Für die Suche nach neuen Kometen ist ein Feldstecher aufgrund
seines großen Gesichtsfeldes hervorragend geeignet. So wurde
1996 der Komet Hyakutake mit einem 25x150 Feldstecher (ein ziemliches
Riesending! siehe Abb. rechts) entdeckt. Große Kometen sehen
auch schon in kleineren Feldstechern schöner aus
als in manchem Fernrohr.
Die Abbildung rechts zeigt Yuji Hyakutake mit seinem Feldstecher
Die Milchstraße:
- Am meisten Spaß macht es, mit einem Feldstecher (auch mit
einem kleinen) einfach kreuz und quer in der Milchstraße
herumzustöbern. Von Sternbildern etc. braucht man nichts zu
wissen. Das einzige, was dazu nötig ist, sind ein Feldstecher und
eine dunkle, klare Nacht im Spätsommer oder Frühherbst. Man
braucht das Fernglas einfach nur "draufzuhalten" und
durchzuschauen.
Sterne:
- Je nach Öffnung zeigt ein Fernglas mehr oder weinger schwache Sterne.
Darüber, wie weit man mit welcher Öffnung kommt, gibt folgende Tabelle
Auskunft:
Objektivöffnung [mm] |
|
Grenzgröße [mag] |
|
Lichtsammelvermögen im Vergl. zum Auge |
|
Bei der Berechnung dieser Tabelle wurde davon ausgegangen,
daß ein Beobachter mit einem Pupillendurchmesser von 6mm noch Sterne
bis zur 6. Größe erkennen kann. |
| 50 | | 10.6 | | 69x | |
| 63 | | 11.0 | | 110x | |
| 80 | | 11.6 | | 177x | |
| 100 | | 12.1 | | 277x | |
| 150 | | 13.0 | | 625x | |
Außerdem kann ein Feldstecher dazu dienen die Farben
schwächerer Sterne, die mit bloßem Auge nur grau erscheinen, zu
erkennen.
Doppelsterne:
- Für enge Doppelsterne braucht man Fernrohre mit hoher
Vergrößerung. Für die Beobachtung weiter auseinander
stehender Doppelsterne kann ein Fernglas - je nach
Vergrößerung - durchaus in Frage kommen.
Veränderliche Sterne:
- Hierfür ist der Feldstecher optimal geeignet. Sein großes
Gesichtsfeld erlaubt es, den Veränderlichen und
einige Vergleichssterne gleichzeitg im Bild zu haben.
Auch zur Novasuche kann man ihn wegen seines großen Gesichtsfeldes
sehr gut verwenden.
Offene Sternhaufen:
- Offene Sternhaufen, wie z.B. Hyaden und Plejaden, sind im Fernglas
ebenfalls ein toller Anbilck. Bei weiter entfernten Sternhaufen kommt es
jedoch vor, daß die einzelnen Sterne zu einem Nebelfleck verschwimmen.
Kugelsternhaufen:
- Kugelsternhaufen geben im Feldstecher nicht besonders viel her - sie
sehen aus wie ein Nebelfleck, es sei denn man beobachtet mit einem 40x150
Fernglas.
Gasnebel:
- Ein leichtes Objekt für den Feldstecher ist der große
Orionnebel. Man kann ihn leicht unterhalb der drei Gürtelsterne des
Orion finden. Weitere leichte Nebel sind z.B. der Lagunennebel und der
Omeganebel. Andere Nebel, wie z.B. der Nordamerikanebel im Schwan,
sind nur bei sehr dunklem Himmel zu sehen.
Planetarische Nebel
- Planetarische Nebel haben für Fernglasbeobachter den Nachteil,
daß sie in der Regel recht klein sind, und man sie daher kaum von
Sternen unterscheiden kann. Unter den Planetarischen Nebeln bietet sich
für den Fernglasbesitzer besonders der Hantelnebel an. Er ist der
hellste Planetarische Nebel am Nordhimmel und schon ab 6-8facher
Vergrößerung als Nebelfleck zu erkennen. Wer einen
lichtstarken Feldstecher, sehr dunklen Himmel und gute Sicht
nach Süden hat, der kann sich mal am Helix-Nebel versuchen. Der
Helixnebel ist der größte Planetarische Nebel (halb so
groß wie der Vollmond), hat aber eine sehr geringe
Flächenhelligkeit - also kein leichtes Objekt.
Galaxien:
- Bei den Galaxien des Nordhimmels ist der Andromeda-Nebel ein
schöner Anblick - besonders in einem größeren
Feldstecher. Alle anderen Galaxien erscheinen nur als Nebelflecke. Wer
mal auf die Südhalbkugel fährt (ich selber bin leider noch nie
dort gewesen), sollte sich mal die beiden Magellanischen Wolken (zwei
kleine Begleitgalaxien der Milchstraße) im Fernglas anschauen. Das
muß auch ein toller Anblick sein.
Mehr über Feldstecher
- Bücher:
- Himmelsbeobachtung mit dem Feldstecher:
- - R.Brandt: Himmelswunder im Feldstecher; J.A.Barth;
- R.Brand, B.Müller, E.Splittgerber: Himmelsbeobachtungen mit
dem Fernglas; Verlag Harri Deutsch;
- J.Muirden: Astronomy with binoculars; London: Faber;
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letzte Änderung: 08.04.2000