Einführung in die Astronomie Teil 4 - Das kleine 1x1 der Astrophysik
4.6 Die Massen der Sterne
Die Masse eines Sterns ist für die Sternentwicklung von fundametaler
Bedeutung. Durch seine Masse wird festgelegt wieviel Brennstoff einem
Stern zur Verfügung steht und wie seine spätere Entwicklung verlaufen
wird. Die einfachste Möglichkeit, etwas über die Massen der Sterne in
Erfahrung zu bringen, bieten die sog. Doppelsterne. Denn bei Ihnen besteht
die Möglichkeit mit Hilfe des Gravitationsgesetzes für eine
größere Anzahl von Sternen die Massen bestimmen zu können.
Doppelsterne
Doppelsterne sind Paare von Sternen, die durch ihre gegenseitige
Gravitationsanziehung zusammengehalten werden und periodische Bewegungen
um den gemeinsamen Schwerpunkt beschreiben. Doppelsterne kommen im Weltall
recht häufig vor, etwa die Hälfte aller bekannten Sterne sind Mitglieder
von Doppel oder Mehrfachsystemen. Es folgen einge Beispiele von
Doppel- und Mehrfachsternen, die schon mit Amateurfernrohren
beobachtet werden können: Alpha Centauri, Castor, Epsilon Bootis,
Epsilon Lyrae und Gamma Leonis. Man geht sogar davon aus, daß
Sternentstehung in Gruppen oder Haufen der Regelfall ist - doch
davon an anderer Stelle mehr.
Man unterscheidet 5 Typen von Doppelsternen:
- Visuelle Doppelsterne:
- Als visuelle Doppelsterne bezeichnet man Doppelsterne, bei denen
man beide Komponenten getrennt beobachten kann.
- Astrometrische Doppelsterne:
- Nur der Hauptstern kann beobachtet werden. Seine periodischen
Ortsveränderungen weisen auf die Existenz eines Begleiters hin,
siehe Abb.3: Bahn (a).
- Spektroskopische Doppelsterne:
- Beide Komponenten können nicht getrennt beobachtet werden, da ihr
scheinbarer Abstand unterhalb des
Auflösungsvermögens
des verwendeten Teleskops liegt. Periodische Verschiebungen der
Spektrallinien, infolge des
Doppler-Effekts,
deuten jedoch auf die Bewegung zweier Sterne um ihren gemeinsamen
Schwerpunkt hin.

Abb.:1 ein spektroskopischer Doppelstern. Bewegt sich ein
Stern auf seinem Umlauf auf die Erde zu (1), so sind die
Spektrallinien zum blauen Ende des Spektrums verschoben. Erreicht
der Stern einen Punkt, andem er sich weder auf uns zu noch von uns
weg bewegt (2), so befinden sich die Spektrallinien in ihrer normalen
Position. Läuft der Stern weiter, und bewegt sich dabei von der Erde
weg (3), so sind die Spektrallinien zum roten Ende hin verschoben.
|
- Photometrische Doppelsterne (Bedeckungsveränderliche):
- Auch hier können die Komponenten nicht getrennt beobachtet werden.
Da aber die Beobachtungsrichtung fast genau in die Bahnebene fällt,
bedecken sich die Sterne gegenseitig bei ihrem Umlauf, was zu einem
Absinken der beobachteten Helligkeit führt. Beispiel: Algol im
Perseus.
Die Beobachtung von Bedeckungsveränderlichen ist ein dankbares
Gebiet für Amateurastronomen.

Abb.:2 ein Bedeckungsveränderlicher. Die Partner bewegen sich
um ihren gemeinsamen Schwerpunkt und verdecken sich dabei periodisch.
In diesem Beispiel sendet der gelbe Stern mehr Licht aus als sein
kühlerer, roter Begleiter. Wandert der gelbe Stern vor den Roten (1),
so ändert sich die Gesamthelligkeit des Systems nur wenig. Wenn
aber der hellere Stern hinter den schwächeren Stern tritt (2), geht
die Gesamthelligkeit stark zurück.
|
- Optische oder unechte Doppelsterne:
- Sterne, die von der Erde aus betrachtet, nur zufällig dicht am
Himmel beieinander stehen, aber in Wirklichkeit viele Lichtjahre
voneinander entfernt sind. Diese Art von Doppelsternen sind für die
Astronomen uninteressant.
Bestimmung der Umlaufbahnen
Um die Masse eines Doppelstersystems berechnen zu können, muß man zuerst
einmal die wahren Umlaufbahnen der Komponenten um ihren gemeinsamen
Schwerpunkt kennen. In der Regel wird jedoch die Bahn des Begleiters
relativ zum Hauptstern vermessen - man erhält die scheinbare relative Bahn.
Diese Bahn heißt deswegen "scheinbar", weil sie um einen
bestimmten Winkel zur Himmelskugel geneigt ist. Kennt man diesen
Neigungswinkel, so kann man die "wahre" relative Bahn berechnen.

Abb.3: Eigenbewegung von Sirius A (blauer Punkt) und B (roter Punkt) von
1920 bis 1990 (a) und daraus abgeleitet: scheinbare relative Bahn (b),
wahre relative Bahn (c) sowie die wahren absoluten Bahnen (d) von Sirius A
und B um den gemeinsamen Massenschwerpunkt (+).
|
Erst wenn man genügent viele Punkte der scheinbaren Bahn beobachtet hat,
d.h. ein genügend großer Teil der Bahn bekannt ist, sind die Elemente
dieser scheinbaren Bahn bestimmbar. Der Übergang von der scheinbaren zur
wahren Bahn ist dann nur noch ein geometrisches Problem
(siehe z.B: W.D. Heintz, 'Doppelsterne' aus der Reihe "Das
wissenschaftliche Taschenbuch", Verlag W.Goldmann, 1971).
Messungen der Abstände und des
Positionswinkels des einen
gegen den anderen Stern des Systems liefern nur die relative Bahn.
Die absoluten Bahnen der Komponenten um den Schwerpunkt des Systems,
erhält man, wenn die Bewegung mindestens einer Komponente an einem
unabhängigen Koordinatensystem (Hintergrundsterne) vermessen wurde.
Massenbestimmung bei Doppelsternen
Mit Hilfe der exakten Form des 3. Keplerschen
Gesetzes kann man aus der großen Halbachse der relativen wahren Bahn
a und der Umlaufszeit T die Summe der Massen der beiden
Komponenten eines Doppelsternsystems bestimmen:
 |
mit |
a = großen Halbachse der relativen wahren Bahn
T = Umlaufszeit
G = Gravitationskonstante
m1, m2 = Massen der beiden Komponenten
|
Die obere Formel verlangt die großen Halbachse der relativen wahren Bahn
in Meter, die Umlaufszeit in Sekunden und liefert die Massensumme in kg.
Dies führt zu sehr unhandlichen (großen) Werten. Nimmt man einige
Umformungen vor, so kann man auch "handlicherer" Einheiten
verwenden. Man erhält dann:
| (m1 + m2) = (a³·r³)/T² |
mit |
a = großen Halbachse der relativen wahren Bahn in Bogensekunden
r = Entfernung des Systems in
Parsec
T = Umlaufszeit in Jahren
m1, m2 = Massen der beiden Komponenten in
Sonnenmassen |
Sind auch die großen Halbachsen a1 und a2 der
absoluten Bahnen bekannt, so kann man das Massenverhältnis berechnen:
| m1/m2 = a2/a1 |
mit |
m1, m2 = Massen der beiden Komponenten
a1, a2 = Große Halbachsen der absoluten Bahnen
|
Mit der Massensumme (m1+m2) und dem Massenverhältnis
(m1/m2) ist es möglich die Massen der beiden
Komponenten auszurechnen.
Man besitzt heute gute Massenwerte von ca 20 Hauptreihen-Sternen,
einigen weißen Zwergen und Unterriesen, einem Riesenstern (Capella) aber
von keinem Überriesen! Schon die Kenntnis der genauen Masse
eines weiteren Riesensterns währe eine große Hilfe für die Theorie
der Sternentwicklung. Man hat entdeckt, daß die Massen der meisten
Sterne im Bereich zwischen 0.1 und 100 Sonnenmassen liegen.
Andere Methoden zur Massenbestimmumg
- Relativistische Rotverschiebung:
- Diese Methode ist nur anwendbar bei Sternen mit großer
Oberflächenschwerkraft (z.B. Weißen Zwergen). Die Idee dahinter ist,
daß das Licht beim Verlassen des Sterns Arbeit gegen dessen
Gravitationsfeld leisten muß und dadurch an Energie verliert, d.h:
rotverschoben wird. Für die Gravitatons-Rotverscheibung gilt:
| Rotverschiebung = (G M) / (r·c²) |
mit |
G = Gravitationskonstante
M = Sternmasse
r = Sternradius
c = Lichtgeschwindigkeit
|
Bei Weißen Zwergen liegt diese Rotverschiebung im Bereich von
10-4.
Diese Methode ist sehr störanfällig gegenüber Strömungen in der
Atmosphäre des Sterns.
- Masse-Leuchtkraft-Beziehung:
- Für Hauptreihensternen gibt es eine Beziehung zwischen der Masse
eines Sterns und seiner Leuchtkraft. Sie lautet:
|
log M = 0.59 - 0.13 Mbol |
mit |
M = Sternmasse in Sonnenmassen
Mbol = bolometrische Helligkeit des Sterns
|
Für Sterne außerhalb der Hauptreihe gilt diese Beziehung - wegen des
andersartigen inneren Aufbaus dieser Sterne - nicht.
Ein Anwendungsbeispiel: Das Sirius-System
Das Sirius-System liegt in
8.8 Lichtjahren =
2.7 pc Entfernung.
Es besteht aus zwei Sternen, die sich einmal in 50 Jahren
umkreisen. Die große Halbachse der relativen Bahn
beträgt 7.6". Damit erhält man für die Summe der Massen der
beiden Komponenten einen Wert von 3.4 Sonnenmassen.
Die große Halbachse der absoluten Bahn von Sirius A beträgt
a1=6.8AE und die von
Sirius B a2=13.7AE.
Damit erhalten wir für das Verhältnis a2/a1=2.01.
Die Einheiten, in denen die große Halbachse der absoluten Bahnen
gemessen werden, sind in diesem Fall nicht wichtig, da es hier nur auf das
Verhältnis der beiden Halbachsen ankommt.
Das Verhältnis der großen Halbachsen ist auserdem gleich dem Verhältnis
der Massen. D.h.:
Hieraus können wir schon sehen, daß die Masse von Sirius A ca. doppelt
so groß ist wie die Masse von Sirius B:
|
m1 = 2.01·m2
| mit |
m1=Masse von Sirius A
m2=Masse von Sirius B
|
Weiter oben haben wir festgestellt, daß die Summe der Massen von
Sirius A und Sirius B gleich 3.4 Sonnenmassen beträgt:
Setzen wir hier nun für m1 = 2.01·m2 ein, so
erhalten wir:
|
2.01·m2+m2 = 3.4 |
oder |
3.01·m2 = 3.4
|
Teilen wir die rechte Gleichung durch 3.01, so bekommen wir:
Sirius B hat demnach 1.1 Sonnenmassen. Damit und mit der Massensumme
ergibt sich für die Masse von Sirius ein Wert von
3.4-1.1 = 2.3 Sonnenmassen.
Zusammenfassung:
Das haben wir soeben gelernt:
Es gibt fünf Arten von
Doppelsternen:
-
Visuelle Doppelsterne, Astrometrische Doppelsterne,
Spektroskopische Doppelsterne, Photometrische Doppelsterne und
Optische Doppelsterne.
Doppelsterne erlauben die Bestimmung
von Sternmassen, wenn die Bahnen der Komponenten um den
gemeinsamen Schwerpunkt bekannt sind.
Die Massen der Sterne liegen in der
Regel zwischen 0.1 und 100 Sonnenmassen.
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letzte Änderung: 08.04.2000